Laetitia – Teil II
Schon in der Küche spürte er, wie sich wieder dieser Gedanke in ihm aufbäumte. Mittlerweile kommt er sogar während der Arbeit. Urplötzlich hat er seinen Kopf erobert und ergötzt sich daran alle Zweifel zu vernichten. Dennoch, bis jetzt hatte er es immer wieder geschafft, ihn auf der Stelle zu verdrängen. Rupert hört jetzt, wie in der Küche das Fenster mit einem dumpfen Schlag in den Rahmen zurückfällt. Da wieder und noch einmal. Das unregelmäßige Klappern nervt und nötigt ihn, wieder in die Küche zurück zu gehen
Auf seinem Weg entscheidet er sich, plant genüsslich und lässt dabei immer mehr Bedenken hinter sich. Als er das Fenster geschlossen hat, zieht er in der Küche die Vorhänge sorgfälltig zu, geht zurück in den Flur und öffnet den Einbauschrank, dessen quietschende Schaniere seinem Vorhaben einen bedeutungsvollen Klang verleihen. Ohne Roxanes schrille Stimme: Es wird wirklich mal Zeit, dass Du die ölst! Sie fängt meistens mit einem Geschwätz über Fünf-MinutenAktionen an, so wie Sie es fast immer tut, wenn sie etwas nervt, was sie partout nicht selber erledigen will.
Rupert flimmert in graubraunen Tönen eines dreißiger Jahre Streifens der aussichtslosen Sex mit seiner Frau im Kopf. Er weiß gar nicht mehr, wie lange es her ist, dass sie das letzte Mal gevögelt haben und spürt, wie die Filmrolle in seinem Kopf Feuer fängt und zu seiner Erleichterung die lästigen Bilder verschmoren lässt.
Rupert gräbt sich durch Kartons, Schachteln und Mäntel, die von ihren Bügeln in den gemästeten Bauch des Schranks hinabgeglitten sind. Endlich findet er den Karton, den er das letzte mal zwischen einer Hutschachtel und der harten Plastikverschalung eines Bocciaspiels verkeilt hat. Geschützt wird die Kiste mit den kleinen Löchern im Deckel durch zwei quer gelegte Regenschirme, die er auf den zu Säulen umfunktionierten Verpackungen so angeordnet hat, dass der ganze angsammelte Plunder davon abgehalten wird, den wertvollen Karton zu zerdrücken. Vorsichtig, mit beiden Händen, nimmt Rupert das Geheimnis aus dem provisorisch erschaffenen Tempel und stellt es sanft auf den Boden. Kein Laut ist zu hören und er spürt die gleichmäßig schneller werdenden Schläge seines Herzens. Behutsam, aber von einem Stille zerreißendern Quietschen begleitet, schließt er den Schrank und geht mit dem Karton zurück ins Wohnzimmer. Erneut macht er es sich auf seinem Sessel bequem und spürt, wie sich seine Glieder entspannen. Die Schachtel im Schoß, ruhen seine Ellenbogen auf den Sessellehnen, während seine Hände schützend auf dem Deckel liegen, unter dem sich sein Kleinod räkelt.
Fortsetzung folgt

