Laetitia – Teil III
Festgesaugt an einer Wand des Kartons zieht sie angespannt ihren runzligen Körper zusammen. Ihre Fühler tasten sich durch die Dunkelheit. Die ungewohnten Bewegungen des Gefängnises verwirren die Perforatella Incarnata, so dass sie unvermittelt aufhört, an dem welkenden Salatblatt zu kauen, dass sie mit ihrem feststehenden, homigen Oberkiefer und der beweglichen mit vielen kleinen Einzelzähnen, ähnlich einer Raspel, besetzten Zungen schon seit Stunden bearbeitet. Der leicht modrige Geruch, der sich endlich im Karton ausgebreitetet hat, gefällt ihr, denn die Feuchtigkeit einer dahinsiechenden großen Tomatenhälfte versüßt Laetitia das Leben in der Kiste.
Plötzlich öffnet sich der Deckel und sie spürt den feuchten Atem eines anderen Wesens, dass sich zu ihr herunterbeugt. Die Fühler schießen sekundenschnell in den feuchten Körper der Inhaftierten zurück, tauchen dann wieder behutsam auf, von Neugierde und Angst getrieben. Liebevoll betrachtet Rupert ihren feuchten schlanken Körper, der dieses wunderschön geformte dünnwandige Heim trägt. Nur schwach heben sich die Wölbungen des rotorangenen Gehäuses ab.
Der Lichtschein der kleinen Fernsehlampe mit dem ehemals weißen Schirm erzeugt tiefe Schatten im Karton, so dass Rupert Laetitia behutsam aus ihrer Ecke löst und sie vorsichtig in seine linke Hand setzt. Vertraut reckt sie ihm Ihre für einen kurzen Moment zurückgezogenen Fühler entgegen und rekelt sich langsam auf der schleimüberzogenen Daumenhügel der Handinnenfläche. Leicht zittert ihr Gehäuse, als ob Sie es abstreifen wollte. Eine schon lang vergessene Wärme durchflutet Ruperts Körper. Synapsen, die sich scheinbar millionenfach unter seiner Haut befinden, füllen sich zum Zerreißen mit Energie. In seinem Kopf stimuliert ein Heer von Flimmerhärchen die Großhirnrinde. Immer schneller punktieren Sie zart Teile seines Gehirns, die auf einmal von ihren ursprünglichen Funktionen befreit, um einen Gedanken mutieren. In immer schneller werdenden Schüben verbreitet sich die Lust in Körper. Laetitia windet sich aufgeregt und unentschlossen in seiner transpirierender Hand. Dann senkt sich die Rechte des von Lust durchfluteten Mannes und sucht nach der Öffnung.
Langsam zieht Rupert den Reißverschluss seiner Buntfaltenhose auf. Im Einbauschrank rutscht dumpf mit scheinbarer Zufriedenheit ein dicker Pelzmantel hinab in die Tiefe.
dozz – stg – 4/2000

